Der Umzug, der Zoll, die Waage und ein Quentchen Glück

Nun fahren wir also los... A61 und immer geradeaus. Wir sind aufgeregt, aber glücklich. Bis hier hin hat alles geklappt wie am Schnürchen. Mein Orientierungssinn geht gegen minus 3, also bloss nicht den Sprinter aus den Augen verlieren. Ich fahr nicht gern allein - und hätte lieber einen Beifahrer, aber da muss ich jetzt durch.


Nochmal in Gedanken zum 10000000. Mal durchgehen, ob wir auch nichts vergessen haben. Die Liste für den Zoll, den Mietvertrag, den Arbeitsvertrag, die Ausweise, das Formular für unser Auto, ja, alles dabei. Wir nehmen den Weg ohne durchgehend Autobahn, da wir noch keine Vignette haben (aber den sind wir ja auch schon öfter gefahren, durch die "Serpentinen" , wo man an einer Stelle echt 10 km fahren darf, 10 !! )


Nur einmal machen wir eine kurze P Pause und düsen weiter. Es ist wunderschönes Wetter, wir haben keinen Stau und kommen gut voran. Unser Anlaufzoll ist Waldshut.

Als wir dort ankommen, dauert es kaum 15 Minuten - auf der einen Seite deutsche Unterlagen abstempeln, auf der anderen Seite die Schweizer Formulare.


Dann geht es über den Zoll. Der Sprinter fährt vor (weil ich kenn den Weg ja nicht wirklich, bin allein immer nur mit dem Zug zu Besuch gewesen), ich werde durchgewunken und fahr weiter.

Bemerke im Rückspiegel, das mein Mann gar nicht auf einer anderen Spur weiterfährt, sondern steht und denke noch, ach der kommt gleich hinterher. Also fahre ich langsam weiter und weiss auf einmal, das ich hier jetzt rechts abbiegen muss, weil dort ist die Brücke, über die wir rübermüssen. Ich werde langsam panisch. Warum kommt der Sprinter nicht ?


Ich fahre über die Brücke und stelle mich auf ein freies Feld und warte.... Und jetzt? Ich habe nur ein deutsches Handy (in der Schweiz kein Internet). Wo bleibt der Kerl nur? Bin ich überhaupt richtig hier? Habe ich mich verfranst? Oh man, ich dreh durch... Die Minuten vergehen - ich versuche das Handy meines Mannes anzurufen. Nichts. Sofort Mailbox. Zig mal.... da klingelt mein Telefon - Ich brüll wie eine Irre in den Hörer: Du Blödmann, wo bist du? Ich bring dich um, ich mach dich kalt, du Ar....


Bis ich dann endlich mitbekomme, das da mein Schwager am Telefon ist und der auch schon genervt ist, da er seinen Bruder nicht erreichen kann. Mittlerweile sind fast 20 Minuten um (die kommen einem vor wie Stunden) - aber ich will nicht umkehren und suchen, dann verpassen wir uns nachher erst recht. Also harre ich aus und dann kommt endlich der Sprinter in Sicht.

Ich springe aus dem Auto und winke wie eine Wahnsinnige - mit Tränen in den Augen.


Was war passiert? Man hatte am Zoll den Sprinter auf die Waage gewunken (was mir total entgangen ist) und da wir leichtes Mehrgewicht hatten mussten ein paar Dinge geklärt werden. Gott sei Dank war der Zöllner gnädig und hat ein Auge zugedrückt (also keine Strafe fällig). Aber durch das ganze Hin und Her hatte mein Göttergatte mich aus den Augen verloren. Und seine Handy Karte war leer. Und sein Akku auch fast. Und er kennt mich soooo gut. Er wusste, ich dreh vollkommen durch....lach


Und da, wo ich gemeint habe, ich muss rechts über die Brücke... na ja, da kann man auch geradeaus fahren um ans Ziel zu kommen. Aber wie gesagt, mein Mann kennt mich wirklich gut und hat in sowas auch oft einen 6. oder 7. oder sogar 8. Sinn - also ist er auch abgebogen und hat mich auf dem Feld wieder eingesammelt.


Und ehrlich, auch heute, nach fast 4 Jahren denken wir noch oft daran, wenn wir diese Stelle passieren. Was wäre bloss gewesen, wenn er geradeaus gefahren wäre?

Dies war also unser erster Glücksmoment in der Schweiz - und bis heute fahre ich nur diesen Weg von der Grenze aus (ich hasse den Geradeaus Weg)


Jetzt sind es noch 10 Minuten bis in unser neues Zuhause.....Und der Tag ist noch lange nicht zuende


Gut, das wir direkt vor dem Haus parken können, denn ausladen müssen wir den Sprinter allein. Alle, die uns helfen könnten, sind arbeiten. Alle 2 :rolling_on_the_floor_laughing:

Also alles hoch in die erste Etage schleppen (ich bin schlecht zu Fuss, aber ich reiss mich wirklich zusammen und helfe so gut ich kann) Innerhalb von 2 Stunden haben wir die Autos leer geräumt inclusive einem 4,50 m Kleiderschrank - denn der Sprinter muss noch heute zurück nach Freiburg, damit wir nicht draufzahlen müssen.


Aber auch das haben wir hinbekommen.


Ein Tipp für alle Umzüger - wir haben soviel Geld gespart durch diese Aktion. Hätten wir den Sprinter in der Schweiz zurückgegeben, hätte es 5 mal so viel gekostet.

Kommentare 2

  • So super geschrieben Kerstin. Ich kann dir gerade das Gefühl von damals nachempfinden, als man an der Grenze wie ein kleines Kind stand und keine Ahnung hat was jetzt läuft, obwohl man wochenlang vorher recheriert hat was man tun soll. Dabei will man eigentlich nur alles richtig machen und keinen Ärger. Wenn ich deinen Bericht lese, kommt mir aber auch in den Sinn, dass ich froh sein kann, dass mich damals niemand gewogen hat. Wäre sicher auch hoffnungslos überladen gewesen. War mir aber trotz guter Vorbereitung nicht bewusst. Zum Glück!

    • Danke Maik. Ich freu mich wirklich über das Feedback zu meiner "Schreiberei" und habe auch von anderen Seiten her schon einige nette Bemerkungen erhalten. Und mir tut es gut, die Erinnerungen wieder aufleben zu lassen - mit dem Blick auf heute - und das wir keinen Tag bereut haben, diesen Schritt gegangen zu sein.

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